Leseprobe

Darum geht es

Chemiedämpfe, Pommesschranke, Autonarren – einige Klischees übers Ruhrgebiet stimmen, andere stimmten einmal. Als Frank Patalong in den Siebzigern in Duisburg aufwuchs, spuckten die Kokereien an Wochenenden, wenn die Filter ausgeschaltet waren, Schwefel auf die parkenden Autos. Wer am Werkstor über die gelbe Schicht auf dem Lack schimpfte, bekam Waschgeld und schwieg. Konrad Lischka wurde eine Generation später in einem völlig anderen Ruhrpott groß: Er spielte auf Industriebrachen und stillgelegten Güterstrecken. Überall standen alte Gebäude, die niemand mehr brauchte. Ende der Neunziger ging man dort in Industrieruinen-Clubs aus und fuhr wegen Pommes, Frikandeln und der magischen Pilze nach Holland.

Wie sich sich das Ruhrgebiet gewandelt hat, was gleich geblieben ist und wie es heute aussieht, erzählen die Autoren in diesem persönlichen Band mit unverfälschten Blick, weit weg von falscher Industrieromantik. Die Autoren Konrad Lischka und Frank Patalong sind im Ruhrgebiet groß geworden. Jetzt kehren sie zurück, kramen in Erinnerungen und entdecken ihre Heimat neu – zwei Generation erzählen vom Leben im Provisorium, der Einzigartigkeit des Reviers und seiner wunderbaren Bewohner.

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Inhalt

Vorwort:
Mein Todesstern
Feckeln wir los!

1. Mensch – Mentalität – Milieu
Ruhr ist ein Redefluss
Wieder da
Kiezkinder
Hollywood gleich hinter Kuhberg
Pssssst, ich hab da was für dich!
Die da oben – der Malochermythos
Unsere roten, grünen, braunen Socken

2. Migration – Herkunft – Wurzeln
Heimweh rückwärts
Paul, Paweł und Omas Hanfsuppe – die Einwanderer
Gekappte Wurzeln
Heimat ist, wo der Kaiser hängt
Wo sind denn hier die Berge?

3. Kultur – Kneipen – Hobby
Die Sache mit der Sprache
Anne Bude
Kickern in Mekka
Hinterm Opel-Werk rechts – Underground im Ruhrgebiet
Blut zum Abendbrot – die Ruhrküche
Homo morbus columba
Kicken mit dem Küster
Tanz in den Meister-Mai

4.  Umwelt – Stadtlandschaft
Auf Halde
Zuhause im Pantoffelgrün
Kohle und Wackelboden
Schrankstadt – der erste Eindruck stählt
In die Stadt nach Horten – Landschaftskunde
Ausblenden, bitte!

Schlusswort
Ausflugs- und Freizeittipps
Dank
Literatur / Filme / Hörspiele

Leseprobe

Ruhr ist ein Redefluss

Im Dezember 2009 stand plötzlich völlig überraschend Schibulski vor meiner Tür. „Mensch Patalong“, knarzte er wie immer ein Stück zu laut, „willse mich nich reinlassen? Dat is lausich hia draußn.“

Klar ließ ich ihn rein. Seine Schuhe zog der alte Stoffel natürlich nicht aus, sondern eine feuchte Schneematsch-Spur vom Eingang zur Küche. Dort ließ er sich mit einem genüsslichen „Woaaaahrr!“ in einen Stuhl fallen. Wie üblich brauchte er nicht lang, sich zu akklimatisieren: Schibulski war nie ein Freund weniger Worte.

„Mensch“, hob er an, „schicke Hütte. Hättse auch nich gedacht, datte ma sowait komms, wa? So mit eignen Häussken und all dat. Hasse ma‘ n Kaffee?“

„Fühl Dich wie zuhause“, sagte ich und brachte den verlangten Kaffee auf den Weg. Während ich hantierte, beobachtete ich ihn. Schibulski sah sich die Küche gründlich an. Oder, wie er selbst wohl sagen würde: Er war sie am inspizieren. Bissken spinxen. „Schönen Gaaten“, nickte er beifällig, „doll, son bissken eignes Grün, wa?“

(…)

Schrankstadt – der erste Eindruck stählt

Das Ruhrgebiet macht es einem auch nicht einfach. Für die meisten Straßenzüge kann man viele Bezeichnungen finden – schön ist nicht der erste oder zweite und auch nicht der dritte Begriff, der einem in den Sinn kommt. Mir fällt lange erstmal gar nichts ein, wenn ich vor einer dieser komplett flachen Fassaden stehe, mit dem aufgerauten Putz in diversen Abstufungen von dunkelweiß, grau und anthrazit (je nachdem, wie stark der Verkehr ist). Diese Häuser aus den Fünfzigern und Sechzigern, die so viele Straßen im Ruhrgebiet prägen, sehen aus wie Schachteln. Nichts springt an der Fassade hervor, keine Erker, keine Pilaster, kein Schmuck – pragmatische Einwohnerverpackungen.

Diese graue Architektur erinnert mich an die Schränke und Regale meines Vaters. Entwurf und Aufbau liefen immer gleich ab: Er vermaß mit einem Zollstock die Ecke der Diele oder die Wand, an der nun wieder Stauraum geschaffen werden sollte, notierte die Längen.

Dann fuhren wir mit der Straßenbahn zum Bauhaus im Nachbarviertel. Der Baumarkt erstreckte sich in langen Kellerräumen unter einem Parkplatz und einer Sparkasse, oberirdisch war nur ein kleiner Eingangsraum mit zwei Kassen. Die Hölle!

(…)

Die allzu großen Bretter konnte man für den Transport noch im Bauhaus von einer riesigen Maschine zuschneiden lassen (für mich der aufregendste Teil dieser Ausflüge), den Rest brauchte mein Vater im Keller mit der Stichsäge in Form. Und diese Form war allein vom Grundriss unserer an einigen Stellen verwinkelten Wohnung bestimmt.

Genauso ist es dazu gekommen, dass das Ruhrgebiet heute an vielen Stellen so aussieht, als habe es keine Form, als habe da jemand einfach irgendwo Wohnkartons hingestellt. Der Eindruck trügt natürlich.

Die Straßen, Häuser, ja sogar ganze Viertel wurden wie die Schränke meines Vaters extrem funktional nach bestehenden Anforderungen errichtet. Ende des 19. Jahrhunderts baute man Wohnhäuser einfach um Zechen und Stahlwerke herum dorthin, wo gerade Platz war (deshalb ist die Gegend so zersiedelt). Und nach diesem Prinzip hat man das Ruhrgebiet dann Jahrzehnte lang weitergebaut.

Das Problem dabei: Der Plan hat sich ständig geändert.

(…)