Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach ist ein Buch über das Ruhrgebiet: Konrad Lischka (1979) und Frank Patalong (1963) sind da groß geworden. Jetzt kehren sie zurück, kramen in Erinnerungen und entdecken ihre Heimat neu – zwei Generation erzählen vom Leben im Provisorium, der Einzigartigkeit des Reviers und seiner wunderbaren Bewohner. Hier steht, worum es geht, warum es so heißt und wo man das Buch kaufen kann.

Veröffentlicht in Tach

Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach, Konrad Lischka, Frank Patalong, 2011

Aus Rezensionen:
„Mit ihrem Buch ‚Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach‘ ist den beiden ein lebensnahes Buch gelungen – und eines der besten Bücher über das Ruhrgebiet.“ Welt am Sonntag

„Sie beschreiben diese faszinierende Mischung aus Arbeiterwelt und Ruhrtriennale, aus Currywurst und Kultur kenntnisreich, unterhaltend und so, dass sich das ganze Buch wie eine einzige Liebeserklärung an eine ebenso geschundene wie faszinierende Gegend liest.“ Elke Heidenreich, WDR4

„So ist ihr Buch ein empfehlenswerter Schmelztiegel geworden, genau wie das Ruhrgebiet selbst. Es sei jedem Ruhrgebietler empfohlen, der eine kritisch liebevolle Auseinandersetzung mit seiner Heimat verträgt und darüber hinaus jedem, der immer schon mal erfahren wollte, wie es im Ruhrgebiet abseits von der in den Medien oft so gern überzeichneter Tristesse wirklich ist.“ Britta Langhoff, Revierpassagen

„Der Altersunterschied der beiden und ihre unterschiedliche Herkunft (…) machen den besonderen Reiz des Buches aus, denn ihre Hintergründe sind gerade unterschiedlich genug, um fast das ganze Ruhrgebiet an sich zu charakterisieren.“ Lukas Heinser, Coffee and TV

„Eine sehr amüsante, pointierte Hommage ans Ruhrgebiet und seine Bewohner. Ideal für alle Pottler und Fans von schön derbem Humor.“ Men‘s Health

Darum geht es

Chemiedämpfe, Pommesschranke, Autonarren – einige Klischees übers Ruhrgebiet stimmen, andere stimmten einmal. Als Frank Patalong in den Siebzigern in Duisburg aufwuchs, spuckten die Kokereien an Wochenenden, wenn die Filter ausgeschaltet waren, Schwefel auf die parkenden Autos. Wer am Werkstor über die gelbe Schicht auf dem Lack schimpfte, bekam Waschgeld und schwieg. Konrad Lischka wurde eine Generation später in einem völlig anderen Ruhrpott groß: Er spielte auf Industriebrachen und stillgelegten Güterstrecken. Überall standen alte Gebäude, die niemand mehr brauchte. Ende der Neunziger ging man dort in Industrieruinen-Clubs aus und fuhr wegen Pommes, Frikandeln und der magischen Pilze nach Holland.

Wie sich sich das Ruhrgebiet gewandelt hat, was gleich geblieben ist und wie es heute aussieht, erzählen die Autoren in diesem persönlichen Band mit unverfälschten Blick, weit weg von falscher Industrieromantik. Die Autoren Konrad Lischka und Frank Patalong sind im Ruhrgebiet groß geworden. Jetzt kehren sie zurück, kramen in Erinnerungen und entdecken ihre Heimat neu – zwei Generation erzählen vom Leben im Provisorium, der Einzigartigkeit des Reviers und seiner wunderbaren Bewohner.


Am Dienstag, 22.11. lesen wir in Dortmund etwas aus „Dat Schönste am Wein is dat Pilsken danach“. Wir sind zu Gast bei den Ruhrbaronen,  im Rahmen der Abende am elektrischen Kamin im Sissikingkong. Da lesen am Dienstag: Juleska VonhagenDavid Schraven, Janina Kraack, Stefan Laurin und Sabine Michalak zeigt Bilderrätsel.

 Also: 22.11., ab 20 Uhr, Sissikingkong,  Landwehrstr. 17,  44147 Dortmund (nah am Hbf).


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1999 an der Strecke der Kruppschen Ringbahn, südlich der Altendorfer Straße in den Ruinen der Kruppstadt. Fotografiert von Florian Sander.

Bei der Recherche für das Ruhrbuch habe ich alte Fotos der Kruppstadt gefunden. Der Fotograf Florian Sander hat sie 1999 in diesem riesigen Brachland direkt neben der Essener Innenstadt gemacht, ich schrieb einen kleinen Text dazu. Heute, nicht mal zwölf Jahre später erkennt man die Gegend kaum wieder. Wenn ich mir die Schwarz-Weiß-Aufnahmen heute ansehe, fühlt sich diese Einöde fast so weit weg an wie damals, 1999 die Geschichten über jene Kruppstadt aus den 1920ern, als dort bis zu 140.000 Menschen arbeiteten und einige auch lebten, als auf 300 Hektar Stadt in der Stadt Fabrikhallen mit 1,5 Millionen Quadratmetern Grundfläche standen.

Dieses Foto von 1910 vermittelt einen Eindruck, wie das damals wohl ausgesehen hat – im Deutschen-Architektur-Forum gibt es eine sehr schöne Sammlung solche Aufnahmen.

1928

Der Reporter Herman Hauser schrieb 1928 in seinem großartigen Revier-Porträt über die Kruppschen Werke: „Will man ihrem Wesen näherkommen, so muss man versuchen, sich nicht durch ihre Größe der Dimensionen erdrücken zu lassen. Es wäre sinnlos, zu erzählen, dass man vom Verwaltungsgebäude bis zum Rand der Werke acht Kilometer mit dem Auto fährt, dass der Kilometerstand meines Wagens nach der Fahrt von Werkstatt zu Werkstatt um fünfzig Kilometer vorgesprungen war.“

Hauser erzählt stattdessen von Details („seien wir exakt, wie es das Intime ist“). Details wie den Kinderwippen in der Kruppstadt:

„Irgendwo im Zentrum der Werke lag eine kleine Arbeitersiedlung. Es gab da einen Platz mit Bäumen, ein Spielplatz für Kinder mit Sandhaufen und Turngeräten. Eine Anzahl von großen Balken lag da, mächtige braungebeizte Balken, groß wie Schifftsmaste. ‚Was ist das?‘ ‚Das sind Kinderwippen.‘ Ich glaubte es erst, als ich Kinder tatsächlich darauf schaukeln sah, und ich muss sagen, es waren die schönsten Wippen, die ein Kind sich wünschen kann. ‚Was der Krupp baut, das baut er solide‘, sagte der Begleiter.“

1999

Als Kind bin ich Anfang der 1990er ab und zu mit Straßenbahn durch diese Gegend gefahren, zum Metzger nach Borbeck. Die Gegend sah aus wie die Landschaften in den Katastrophen-Filmen, die ich als Kind merkwürdigerweise schauen durfte, zum Beispiel die ausgestorbenen Wüstenstädtchen in “Andromeda”. Kein Mensch zu sehen, kaum Autos, große leere, manchmal asphaltierte Flächen und hier und dort ein Ziegelbau oder ein Gewerbe-Funktionskasten, eine Ruine, dazwischen Gestrüpp und alte Bahngleise, die irgendwo im Gelände abrupt enden.

Die Kruppstadt war ein aus der Zeit gefallener Ort.

Das war 1999 immer noch so, da fraßen sich aber an den Rändern schon langsam neue Gebäude ins Brachland hinein: IKEA, Autohändler, der Gewerbepark M1 (interessante Fotos in der Projektbeschreibung).

1999, als Florian Sander im Brachland fotografierte, ging das alles gerade los.

 

Ich habe damals zu Florians Fotos diesen Text für ein Stadtmagazin geschrieben:

Die Stufen sind kaum vom Innenhof an der Alterdorfer Straße zu erkennen. Ganz hinten im Halbdunkel, von Efeu überwuchert führen sie hinauf zum alten Bahndamm der früheren Kruppschen Ringbahn. Moos wächst auf dem feuchten Mauerwerk an den Seiten des Aufgangs. Der rote Ziegelstein bröckelt. unterm Efeu rostet das verschnörkelte Geländer. Oben, vom Bahndamm aus sieht man im Nordwesten den Real-Markt. Rostig-rote Schienen spannen sich nach Norden über die Altendorfer Straße in Richtung der Krupp-Verwaltung und der ehemaligen Zeche Helene.

Die Schienen der Ringbahn führen durch ein Stück Essener Vergangenheit. Die Bohlen sind morsch und rutschig, an den Seiten der alten Bahnstrecke wuchern dornige Ranken, rechts glänzt eine silbrige Rohrleitung mit  mindestens einem Meter Durchmesser. Links die ersten Ruinen. Ein löchrig es Betondach, darunter ein metertiefes dunkles Erdloch. Rostige Eisenstäbe ragen aus dem Beton, ein Zementklumpen hängt an Stahlstreben herab.

Viel ist nicht übrig geblieben von 1195 Schmelzöfen, 370 Dampf- um 1724 Werkzeugmaschinen. Ein Großteil der ehemaligen Kruppstadt ist heute Brachland: Beton, Eisen, Rost und Dickicht. Auf 300 Hektar zwischen Innenstadt, Frohnhausen, Altendorf und Bergeborbeck arbeiteten bis zur Jahrhundertmitte zwischenzeitlich 140.000 Kruppianer. Die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs und die Industriedemontage durch die Alliierten hinterließen ein Brache.

Einige der alten Hallen werden immer noch genutzt. An der Frohnhauser Straße von den Krupp Druckereibetrieben. Zwischen meterhohem Ziegelsteinmauern kann man erahnen, wie gewaltig die Industrie hier irgendwann einmal gewirkt haben muss.

Bald sind auch die letzten Spuren verschwunden. Im besten Fall werden die alten Hallen restauriert und neu genutzt – die achte mechanische Werkstatt als Musicalpalast, die Kruppsche Fabrikhalle gegenüber als Parkhaus. Meistens aber kommen die Ruinen weg und funktionale Neubauten aufs Brachland. Auf den Trümmern alter Industrieanlagen stehen Stinnes Baumarkt, McDonalds, das Gewerbegebiet Ml, Möbel Krüger und IKEA. Möbelstadt statt Kruppstadt.

2011

Inzwischen hat die ThyssenKrupp AG ihren neuen Firmensitz in dieses ehemalige Brachland gebaut, 2010 zog die Verwaltung von Düsseldorf hierher. Es gibt einen 23 Hektar großen Park, einen See mit Bühne und sogar einen Boulevard (derzeit ohne Flaneure, führt ja nur zu Büros).

Dass es hier 2011 so aussehen wird, habe ich nie erwartet.

Peinlich, peinlich, aber eher die Regel: In Dortmund haben die Grünen ein paar Plakate gedruckt, auf denen Mülheim an der Ruhr tatsächlich Mühlheim heißt. Sie sind damit in guter Gesellschaft: In Oberhausen wie ein Schild an der Autobahn 2010 den Weg nach Mühlheim und 2004 wurde am Mülheimer Hauptbahnhof feierlich ein nach der Stadt benannter ICE eingeweiht – auf dem Wagen stand allerdings Mühlheim (Ruhr). Vielleicht überlegt sich die Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld (ja, mit h) das alles mal: Früher hieß die Stadt mal Molenheim und dann Molnheim.

Neues Angebot im Süßwarenautomaten an 15 U-Bahnhöfen in Essen zwischen Altenessen und Gruga: Schwangerschaftstests! Die WAZ schreibt:

In sämtlichen „Selecta“-Süßigkeiten-Automaten der Evag-Bahnhöfe gibt es seit einigen Wochen „maybe baby“. Das rosa Paket kostet acht Euro und verspricht „Sicherheit von mehr als 99 Prozent“. Die Vorzüge eines Schwangerschafts-Tests am Automaten: „Er ist rund um die Uhr erhältlich, und der Kauf ist absolut diskret“, sagt Esther Thomas, die Sprecherin der Schweizer „Selecta“-Zentrale.

Der Klartext-Verlag sucht Geschichten über das Ruhrgebiet, unter dem schönen Motto: „Leb im Ballungsgebiet, das an Druckstellen wie Fallobst aussieht.“ Am 1. November ist Einsendeschluss, hier steht mehr.

Was kann über die Druckstellen des Ruhrgebiets erzählt werden? Welche Hoffnungen, Ängste oder Träume haben die Menschen, die im „Fallobst“-Gebiet leben? Wollen die nachkommenden Generationen dort nur noch schnell wegziehen, oder sind diese Druckstellen vielleicht besonders lebens- und liebenswert? Wie lebt es sich in den Städten, Stadtteilen und Siedlungen, die scheinbar „abgehängt“ sind? Wie sieht die Zukunft dieser Bereiche aus? Wo gibt es Druckstellen in der Gesellschaft, im zwischenmenschlichen Miteinander, im Miteinander der unterschiedlichen Kulturen?

Marc Degens‘ Roman „Das kaputte Knie Gottes“ beginnt beim Imbiss in der „Schnitzel-Zentrale“ mit diesem Satz: „Ein Leben als vierundzwanzigähriger Bildhauer in Bochum-Wattenscheid ist ebenso traumhaft wie der Aufstieg eines Armlosen in die Top Ten der Tennisweltrangliste.“ Das sagt Dennis, der Bildhauer. Hier liest Stefan Kaminski 16 Minuten lang aus dem Roman:

Im nächsten Sommer soll sie in die Kinos kommen, die „Komödie für die ganze Familie“ (O-Ton Produktionsfirma) namens „Pommes essen“. Der Text zum Film klingt etwas klischeebeladen („Eine Geschichte aus dem Ruhrgebiet über Familienbande, Stolz, Verrat und das tollste Currysaucen-Familienrezept“), aber was heißt das schon – wird ja gerade erst gedreht. In Duisburg. Und dort sucht die Produktionsfirma Komparsen für die Zeit vom 20.9 bis 25.9.. Eine Einschränkung: Man soll MSV-Fans darstellen… Hier das Bewerbungsformular.